Kann Erfolgssuche ethisch richtig sein?

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Der Artikel "Ethische Leitplanken für Wirtschaft und Politik" aus dem Karrierenstandard vom 2. Juli 2011 veranlasst mich ein paar Gedanken zum Thema "Ethik und Moral" in der Personalberatung mit Ihnen auszutauschen. Ich kenne das Personalwesen aus der Dienstleistungssicht seit 1999. Damals habe ich im Personalleasing angefangen und seit 2002 bin ich in der Personalberatung tätig. Immer wieder werde ich bei Neukundenterminen, interessanterweise aber nie bei bestehenden Kunden, darauf angesprochen, dass Mitbewerber 100%ige Erfolgssuchen anbieten und ob ich das auch anbieten könne.

Ist das ethisch richtig?
 
Fotolia_4575406_XS_EthikWas ist eine 100%ige Erfolgssuche? Kann diese ethisch und moralisch überhaupt vertretbar sein? Solch eine Suche sieht folgendermaßen aus. Der Kunde verlangt von seinem Berater -  seinem verlängerten Recruitingarm – dass er sich ohne Bezahlung auf die Suche nach passenden Kandidaten für sein Unternehmen macht. Die Erwartung liegt darin, die Besten am Arbeitsmarkt zu finden. Sollte sein Berater erfolgreich sein, dann wird er ihn im Nachhinein mit einem Honorar belohnen – sollte er hingegen keinen finden und seine Ressourcen für ihn eingesetzt haben, Kapazitäten hochgefahren haben, dann schaut der Berater halt durch die Finger – "Pech gehabt, tut mir leid, vielleicht ja dann das nächste Mal" sagt der Kunde. Ach ja, um den Wettbewerb noch ein bisschen zu schüren, beauftragt der Kunde gleichzeitig mehrere Berater auf Erfolgsbasis. Frei nach dem Motto "First come, first serve" lässt er jetzt seine Berater wie in der Arena, um die Besetzung und somit das Honorar kämpfen. Der Berater steht unter enormen Druck. Er hat immer im Hinterkopf, dass hoffentlich keiner seiner Branchenkollegen schneller sein wird als er. Er weiß gar nicht, wer seine Gegner sind. Der Kunde ist nämlich so "g'scheit" und sagt ihm das nicht. Dabei schießt der Kunde sich hier oftmals ein Eigentor. Einer seiner Lieferanten – wir reden ja eigentlich nur mehr von Lieferanten und nicht mehr von Beratern, die mit Menschen arbeiten, sondern mit Sachbearbeitern, die Menschen "verschicken") liefert ihm als erster einen vermeintlich passenden Kandidaten. Er entscheidet sich für diesen und sagt allen anderen ab. Da aber kein strukturierter Suchprozess mit so einem Erfolgssearch aufgestellt werden kann, wird er um den "echten" passenden Mitarbeiter fallen. Dieser ist nie mehr ins Rennen gekommen.

Kann man da langfristig seine Arbeit überhaupt noch richtig ausüben? Ich biete keinen Erfolgssearch an, aber ich weiß von Kollegen aus der Branche, die das machen, dass der Druck enorm groß ist und oft bieten Sie dann irgendwelche Kandidaten an, bei denen Sie noch gerade den Lebenslauf gesehen haben, um vielleicht einen "Lucky-Punch" beim Kunden zu landen. Ist das den Kandidaten, den Arbeitssuchenden, denen, die einen Job haben und abgeworben werden, gebenüber ethisch vertretbar? Ist es ethisch vertretbar, dass sie dann von verschiedenen Personalberatern auf dieselbe Position angesprochen? Ist es ethisch korrekt, jemanden, der eigentlich seine Arbeit gerne erfolgreich und effizient erledigen möchte, das nicht machen kann, weil er immer dazu gezwungen ist, die Schnelligkeit dem Ergebnis voran zu stellen, damit er der erste ist um überleben zu können?

Vielleicht so besser?

Nehmen wir den Harvard-Ansatz her und versuchen eine "win-win" Situation herzustellen. Ich könnte mir vorstellen, dass die oben beschriebene Situation so lösbar ist:

Vorerst sollte der Kunde mit dem Personalberater in ein offenes Gespäch gehen. Sie sollten sich klar und transparent austauchen, wie beider Erwartungshaltungen aussehen und was Hintergrund des Suchauftrages ist. Der Kunde lässt sich von seinen Beratern, die er für die Suche beauftragen möchte, klar präsentieren, wie sie die vakante Position erfolgreich besetzen möchten, welche Suchmethoden eingesetzt werden und auf welche Netzwerke er zurück greifen kann. Damit der Personalberater richtig gut arbeiten kann, sollte der Kunde ihm auch ein Comittment zeigen, indem er ihm eine Aufwandspauschale zuspricht, um seine Kosten decken zu können. Wie das restliche Honorar verrechnet und aufgeteilt wird, ist klarerweise Verhandlungssache.

Der Berater sollte informiert sein, wer noch parallel mit ihm am Markt sucht oder im Idealfall die Zusicherung bekommen, dass er der Einzige ist. Wenn er einen Mitspieler habe und weiß wer es ist – warum könnten die zwei nicht kooperieren und somit Synergieeffekte nützen? Der Kunde hat den gewünschten Effekt: Eine erfolgreiche und schnelle Besetzung seine vakanten Position. Er erhält die Sicherheit, dass die Suche nach seinem neuen Mitarbeiter in guten Händen liegt, kann die Kosten gut einschätzen und der Personalberater kann seine Arbeit richtig machen.

Fazit

Aus der Sicht des Kunden, des Kandidaten und des Personalberaters, ist eine rein erfolgsbasierende Auftragssuche ethisch nicht vertretbar. Die Ergebnisse sind in den meisten Fällen unbefriedigend. Die Kandidaten werden ausgenutzt, der Kunde verliert oft an positivem Image am Markt und kommt gar nicht zu den wirklich passenden Kandidaten. Der Personalberater wird zum "Menschenlieferant" degradiert. Dabei sollte er der verlängerte Recruitingarm sein Kunden sein.

Hermann Pavelka-Denk
Personalberater & Autor personalberaterseitenblicke.at

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