Digital Nomads – den Wanderern auf der Spur

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Deshalb werden wir uns mit dem Thema Digitalnomad:innen in Zukunft wohl häufiger beschäftigen:

Wer sind die digitalen Nomad:innen?

Digitale Nomaden sind Menschen, die ortsunabhängig und mithilfe digitaler Technologien ihrem Job nachgehen. Natürlich gibt es diese Arbeitsform, dem Zeitalter des Internets sei Dank, zwar in verschiedenen Ausprägungen schon seit Längerem, die Thematik wurde jedoch aufgrund der Coronapandemie und den entsprechenden Homeoffice-Regelungen nun weitaus aktueller und infolgedessen auch medial breiter diskutiert. Auch Freelancer:innen und Selbstständige kennen diesen vermeintlichen Luxus nicht erst seitdem die Pandemie die Arbeitswelt auf den Kopf stellte. Seltener sind es Angestellte, die das flexible Modell in ihren Alltag integrieren können. Was digitale Nomad:innen jedoch von “normalen” Remote-Workern unterscheidet ist, dass sie Reisen und Arbeit kombinieren und nicht selten über keinen langfristigen Lebensmittelpunkt verfügen, also einen multilokalen Lebensstil verfolgen.

Diverse Artikel und Prognosen legen nahe, dass dieses Phänomen die Arbeitswelt langfristig begleiten wird. So äußern sich die drei Autor:innen eines Artikels der Harvard Business Review vom Juli 2021 wie folgt:

“Die Kräfte, die das digitale Nomadentum ermöglichen und begünstigen, sind da, um zu bleiben.”

Es ist also Zeit, sich mit diesem Konzept näher auseinanderzusetzen.

Boom dank Pandemie

Das digitale Nomadentum scheint tatsächlich immer populärer zu werden. Alleine in den USA ist der Anteil der digitalen Nomad:innen um ca. 50% von 7,3 Millionen in 2019 auf 10,9 Millionen in 2020 gestiegen (Quelle: „The State of Independence in America Report”, MBO Partners), dabei dürfte die Corona-Pandemie eine wesentliche Rolle gespielt haben. 

Nicht selten stößt man auch in sozialen Netzwerken auf Anzeigen von digitalen Aussteiger:innen, die anderen Menschen, meist gegen Entlohnung oder zumindest Datenweitergabe, beibringen möchten, wie auch sie selbst ein solches Leben ohne viel Aufwand verwirklichen können. Häufig wird dabei mit den Klischees dieses Lebensstils gespielt. Mögliches Szenario einer solchen Werbung: eine Videoaufnahme von Unternehmer:innen, die sich scheinbar inmitten einer Urlaubsdestination befinden. Mit dem Laptop auf dem Schoß, Meeresrauschen im Hintergrund inklusive, wird das Konzept vorgestellt. Das entspricht dem Bild, das viele von dem Dasein als digitale:r Nomad:in haben, und mit diesen Vorstellungen wird eben auch gerne Werbung gemacht. Diese Angebote richten sich jedoch meist an Freelancer:innen.

Die Pandemie dürfte auch weiterhin Auswirkungen auf Digitalnomad:innen haben – so bieten einige europäische Länder Steuervorteile für Heimarbeiter:innen an, in der Hoffnung, finanzielle Verluste der Coronakrise auszugleichen (Quelle: Handelsblatt).

Verschwommene Grenzen

Auch die Plattform zur Vermietung von Unterkünften Airbnb rechnet wohl mit der Fortsetzung des Remote-Job Trends und dass dieser die Zukunft des Reisens verändern wird. „Wir sehen drei grundlegende Veränderungen beim Reisen, da die Menschen weniger gebunden und flexibler werden“, sagt Brian Chesky, Mitgründer und CEO von Airbnb, in einer Ankündigung des Unternehmens aus dem Frühjahr 2021. „Die Menschen können jederzeit reisen, sie reisen an mehr Orte und sie bleiben länger”, so Chesky weiter. Airbnb scheint sich nun auch stärker auf das Angebot von Langzeitunterkünfte zu fokussieren, wie BBC berichtet.

Rechtliche Problematik und moralische Fragen

Gerade Großkonzerne, in denen die Kommunikation häufig onlinebasiert ist, haben nicht immer einen vollständigen Überblick über die Aufenthaltsorte ihrer Mitarbeiter:innen. In solchen Fällen können sich die Tipps, die die international agierende (und auch in Österreich vertretene) Anwaltskanzlei Littler für den Umgang mit digitalen Nomad:innen empfiehlt, eignen. Erster Schritt laut Littler ist es, digitale Nomad:innen im eigenen Unternehmen zu identifizieren, sowie deren Aufenthaltsort und Reiserouten. Im Anschluss kann eine entsprechende Vereinbarung aufgesetzt werden, die diese Form der Telearbeit behandelt. Der Bericht von Littler richtet sich zwar an ein US-Publikum, kann aber als Referenz sicherlich auch hierzulande hilfreich sein.

Wie bereits erwähnt, bleibt diese Arbeitsform vermutlich auch in Zukunft noch ein wichtiges Thema – daher macht es für viele Unternehmen Sinn, sich mit dieser Entwicklung aus rechtlicher Perspektive zu beschäftigen.

Auf eine weitere interessante und wichtige Problemstellung weist der Harvard Business Review Artikel ebenfalls hin – nämlich die der moralischen Verantwortung. Viele digitale Nomad:innen beziehen ihr Gehalt in Hochverdienerländern, auch wenn ihr Lebensmittelpunkt nicht dort verankert ist. Nicht wenige reisen bzw. leben zeitweise oder auch langfristig in Niedriglohnländern. Während man argumentieren könnte, dass ein gewisser Tourismusaspekt dadurch abgedeckt wird und die Länder somit von den “reisenden Touristen” profitieren, ist doch auch die Frage zu stellen, inwieweit ein langfristiger Verbleib in einem solchen Land moralisch vertretbar ist. Das Fachwort, das hinter dieser Problematik steckt, nennt sich Geoarbitrage. Der Begriff Arbitrage findet seine Wurzeln in dem Finanzfachjargon und bezeichnet die Ausnutzung von Preisunterschieden in zwei verschiedenen Märkten. Geoarbitrage ist demnach die Ausnutzung von unterschiedlichen Lohnniveaus und Lebensunterhaltungskosten in verschiedenen Ländern.

Das digitale Nomadentum sei ein westlich geprägtes Arbeitsmodell, das hauptsächlich von privilegierten Menschen in Anspruch genommen werden kann, wird Olga Hannonen im bereits erwähnten BBC Artikel zitiert und weist dadurch auf die demographische Ungleichheit hin. Hannonen ist eine Forscherin der Universität Finnland, die sich mit digitalen Nomaden beschäftigt. In dem Artikel werden weitere kritische Punkte beleuchtet.

Einschränkungen und Schattenseiten

Neben der Tatsache, dass ein solcher Lebensstil auch Geschmacksache ist, beschränkt sich die Möglichkeit, tatsächlich ortsunabhängig zu arbeiten, selbsterklärend auf einige Berufsgruppen. Voraussetzungen sind digital realisierbare Jobs, die kaum oder gar keine physische Präsenz erfordern. Beispiele dafür finden sich in Branchen wie Digital Marketing, Graphikdesign, IT und ähnliche.

Doch Schattenseiten existieren auch bei diesem vermeintlichen Traumjob. Laut einem Forbes Artikel, der eine 2015 gestartete Umfrage der Harvard-­Professorin Beth Altringer zitiert, ist der finanzielle Aspekt eines solchen Nomadentums nicht unbedingt immer rosig. So liegt das Einkommen des Großteils der Befragten im mittleren und niedrigen Bereich, lediglich ein geringer Prozentsatz sei finanziell erfolgreich. Außerdem sollen über 60% der Personen im mittleren und niedrigen Einkommensbereich mehr als 60.000 US-$ Schulden haben.
Allerdings variieren die Informationen zu dem Einkommen von Digitalnomad:innen – laut einer Umfrage der Beratungsfirma Buffer verdienen mehr als 70 Prozent der digitalen Nomaden über 50.000 Dollar im Jahr (Quelle: Wiener Zeitung, Buffer).

Wie die zukünftige Entwicklung aussehen wird, bleibt abzuwarten. Es scheint jedoch sicher zu sein, dass das Thema digitales Nomadentum oder zumindest Abwandlungen dessen – wie zum Beispiel vermehrtes ortsunabhängiges Arbeiten – die Arbeitswelt auch nach der Pandemie noch beschäftigen wird. Deshalb braucht es Lösungen dafür, wie diese Arbeitsform genau aussehen soll – sowohl aus ethischer und sozialer als auch aus rechtlicher und effizienzorientierter Perspektive. 

Quellen

Bildquellen: Adobe Stock

https://hbr.org/2021/07/your-company-needs-a-digital-nomad-policy

https://www.bbc.com/worklife/article/20210615-is-the-great-digital-nomad-workforce-actually-coming

https://www.nzz.ch/wirtschaft/geo-arbitrage-wie-digitale-nomaden-ihre-wohnorte-aussuchen-ld.1326120?reduced=true

https://www.protocol.com/airbnb-future-of-travel

https://news.airbnb.com/en-au/airbnb-2021-release-100-innovations-and-upgrades-across-our-entire-service/

https://www.forbes.com/sites/oliverwilliams1/2021/10/18/exclusive-where-have-all-the-digital-nomads-gone/?sh=7130fb512f0c

https://www.forbes.at/artikel/moderne-nomaden.html

https://www.mbopartners.com/state-of-independence/2020-digital-nomads-report/

https://wirelesslife.de/geo-arbitrage/

https://www.handelsblatt.com/politik/international/e-visa-und-steuerersparnis-europaeische-urlaubslaender-buhlen-um-digitalnomaden-das-sind-ihre-lockmittel-/

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wirtschaft/international/2113606-Steuerzuckerln-gegen-den-Brain-Drain.html

https://lp.buffer.com/state-of-remote-work-2020

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