Der Lebenslauf und das Wort „selbstständig“

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Ich bin Autor auf der Plattform für Personaler hrweb.at und habe dort folgenden Artikel geschrieben. Die Reaktion darauf hat mich überrascht. Mir war nicht bewusst, dass dieses Thema doch mehr Menschen beschäftigt, als erwartet. Hier nun der Artikel inklusive den Kommentaren in grau auch auf personalberaterseitenblicke.at unten angeführt.

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Ich bin Personalberater und sehe tagtäglich viele Lebensläufe – seitdem unser lieber Vater Staat die „neuen Selbstständigen“ und „Ich-AGs“ ins Leben gerufen hat, ist es sehr viel leichter „selbstständig“ zu werden. Nun gut, das ist aber so eine Sache mit der „Selbstständigkeit“.


Die Ausgangssituation

Fragen Selbststaendig1
wir uns einmal aus welchen Gründen viele „selbstständig“ geworden sind. Idealerweise ist es so, dass jemand eine tolle oder spannende Businessidee hatte und/oder ausreichend an eigenem Wissen und Erfahrung mit ein brachte und somit seine eigene Unternehmung gründen konnte.

Bei vielen sieht die Wahrheit leider anders aus. In Berufen, wie z.B. der Unternehmens- oder IT-Beratung, wurden frühere „Angestellte“ nun „selbstständig“, weil sie entweder aufgrund der Marktsituation gezwungen waren (speziell in den vergangenen Jahren) und keine Angestelltenverhältnisse mehr fanden oder sie waren schlichtweg von der Idee des „Selbstständig-Seins“ so angetan, dass man es einfach versucht hat. Viele waren im Glauben, es würde schon irgendwie gut gehen, … ups, da waren ja noch Vertrieb, Marketing, Finanzen, laufende Auslastung, Bürokosten, … .

 

Die Realität

Nun sind ein bis zwei Jahre verstrichen und die Bewerbung des „Selbstständigen“ liegt bei mir am Tisch. Der Bewerber schreibt mit großem Stolz in den Lebenslauf, er war die vergangenen zwei Jahre als „selbstständiger IT-Berater“ tätig, was mich jedes Mal wieder irritiert. Manche meinen, am Besten gleich „Geschäftsführer“ hinein zu schreiben. Somit war das der Lebenslauf der vergangenen sieben Jahre: Assistent, Pre-Sales Consultant, IT-Consultant, Geschäftsführer (selbstständig) und jetzt will er wieder als IT-Consultant im Angestelltenverhältnis arbeiten?! Warum schreibt er das? Wenn er so erfolgreich war, warum bewirbt er sich auf einmal für eine Position im Unternehmen als Angestellter IT-Consultant – er war doch schon Geschäftsführer? Kommt es im Lebenslauf nicht mehr auf seine Qualifikation an, als auf die Art oder Bezeichnung seines Beschäftigungsverhältnisses mit seinen Kunden oder Arbeitgebern? Das ist oftmals verwirrend.

Ich suche Personen, die mir im ersten Schritt glaubhaft machen können, dass Sie Ihren Job beherrschen. Mittlerweile gibt es viele „Selbstständige“ in den Lebensläufen, die wieder in ein Angestelltenverhältnis zurück möchten. Sie waren nicht erfolgreich, es war ihnen zu viel Verantwortung, eine eigene Unternehmung aufzubauen, zu pflegen und „selbst“ „ständig“ daran zu arbeiten. Wie auch immer – mein APPELL an alle „Selbstständigen“, die sich bei Unternehmen bewerben: Lassen Sie das „Selbstständig“ als Bezeichnung des Beschäftigungsverhältnisses weg, als Eigenschaft können Sie es erwähnen. Sie erwähnen ja bei den vorherigen Positionen auch nicht extra das Angestelltenverhältnis. Schreiben Sie stattdessen besser, welche Tätigkeiten Sie über hatten und worin Ihre Kernkompetenzen liegen. Die „Selbstständigkeit“ können Sie dann im persönlichen Gespräch mit einfließen lassen.

Kommentare von hrweb.at:

  1. Hallo Hermann,

    vielen Dank für Deine Gedanken. Aus der eigenen Recruiter-Praxis kenne ich die Überlegungen beim Wort “selbständig” im Lebenslauf ebenfalls sehr gut :-)

    In diesem Zusammenhang finde ich aber das Motiv sehr interessant, warum Menschen selbständig werden. Eines ist sicherlich, der Gedanke, seine eigenen Ideen zu verwirklichen und das Gefühl der Freiheit. Daher meine Frage, die mich in meiner Arbeit viel beschäftigt: Wie bekommen wir angestellte Mitarbeiter dazu, “Inhouse-Selbständige” zu werden? Wie steigern wir – ohne verworrene Provisionsmodelle – den Anreiz und das Gefühl seine Ideen in einem Angestelltenverhältnis zu verwirklichen und frei zu sein.

    Jedenfalls für jedes Unternehmen eine interessante Fragestellung und sicherlich umso mehr relevant, wenn man sieht, wie sich Arbeitswelten verändern.

    Liebe Grüße,
    Peter

  2. recruiter says:

    Danke für die Ideen im Artikel und im Kommentar. Wenn ich den Gedanken weiterspinne und auf unseren Konzern (ich bitte um Verständnis, dass ich hier weder Name noch Unternehmen nenne) umlege, so könnten die Führungskräfte nicht damit umgehen, wenn die Mitarbeiter wie Inhouse-Selbständige agieren würden. Selbständiges Denken wird zwar offiziell erwartet, doch allzu selbständig sollte das Denken nicht sein ;)

  3. Mich hat Ihr Artikel zum Nachenken angeregt. Besonders, da wir aktuell eine Position ausgeschrieben haben, wo sich auch viele “Selbstständige” und viele “selbstständige” beworben haben. Und ich habe mir dieselben Fragen gestellt wie Sie!! Der Gedanke den ich an Ihren Ausführungen so spannend finde: Wegdenken von klassischen Vertragsverhältnissen und dem rechtlichen Status hin zu Aufgaben, Kompetenzen, Erfolgen und unternehmerischen Handlungen. Also Gleichbehandlung im Lebenslauf. Finde ich sehr gut!

    Ohne es Werten zu wollen; aber mir fällt auch eine Reaktion der BewerberInnen auf, wenn telefonisch zur offenen Position nachgefragt wird: “Ist die Stelle fix angestellt oder nur auf Selbstständigenbasis?” Und man hört schon in der Stimme, dass “angestellt zu sein” einen höheren Status erfährt.

 

Personalberater und Karriereberater, Hermann Pavelka-Denk, Wien, Österreich

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